Pfarrer R. I. P.

Der Pfarrer sei auf der Besten-Liste der vertrauenswürdigen Berufe vom langjährigen 2. Platz (hinter den Ärzten) in den Abgrund der Unsichtbarkeit gestürzt, klagte mir vor einiger Zeit ein leitender Mitarbeiter eines Landeskirchenamts.

Derzeit tendiert die Zahl der Neueinschreibungen im Bereich Theologie an manchen Universitäten gegen Null. In den Medien sind Pfarrer vorwiegend in Zusammenhang mit Missbrauch-Geschichten präsent.

In meiner rheinischen Landeskirche wird die Zahl der Pfarrstellen bis 2030 halbiert werden. Nach aktueller Prognose werden sie gerade mal zu 2/3 besetzt werden können – mangels Berufsnachwuchs.

Was ist los?

“Pfarrer ist ein aussterbender Beruf”, war die Antwort eines lang gedienten Pfarrers, den ich darauf ansprach. Das will ich nicht glauben, war meine spontane Reaktion. Gemeinden würden sich immer jemand suchen, der diese Aufgabe übernimmt. Das kann schon sein, antwortete mein Gesprächspartner in völliger Gelassenheit, aber dann wird der Beruf des Pfarrers ein völlig anderer sein.

Und die Gemeinde wohl auch, kommt mir in den Sinn.

Wie sieht Gemeinde in Zukunft aus? Was ist Ihr (Alb-)Traum?

 

Pfarrer RIP

6 Gedanken zu „Pfarrer R. I. P.

  1. Lieber Gemeindebote,
    Sie fragen sich, warum der Beruf des Pfarrers derzeit nicht mehr wirklich attraktiv ist?
    Kurz vorneweg. Der Beruf des Pfarrers ist auf der einen Seite sicher einer der schönsten und abwechslungsreichsten.
    Ich kenne die Situation in ihrer Landeskirche nicht, sondern nur die in Württemberg. Die aber aus verschiedensten Perspektiven, als Ehrenamtlicher, als Ausgetretener, als Pfarrer. Ich bin einer der Pfarrer, die nicht von Schule direkt auf die Uni und dann in die Gemeinde gekommen sind. Vor meinem Theologiestudium habe ich bereits ein wirtschaftswissenschaftliches Studium abgeschlossen und mehrere Jahre im Vertrieb und Unternehmensberatung gearbeitet.
    Hierim Süden hat der Landesbischof schon vor fast 10 Jahren gesagt, dass wir bis zum Jahr 2030 1/3 der Pfarrstellen abzubauen. Dabei wurde nur ein Mitgliederrückgang um 20% vorhergesagt. Es wird also überproportional beim Pfarrdienst gespart. Wie das möglich sein soll, erklärt einem keiner. Konkret wird die “Pastorationsdichte” merklich nach oben gefahren. Kleine Pfarrstellen werden gestrichen bzw. mit Nachbarpfarrstellen funsioniert.
    In der Sparrunde Ende der 90er wurden bereits fast alle Stellen von Gemeindediakonen in Gemeinden gestrichen. Damals mit dem Argument, dass damit der Pfarrdienst gesichert werden soll.
    Konkret bedeutete dies damals bereits eine deutliche Zunahme der Aufgaben, die direkt beim Pfarrer angesidelt sind. Durch die neuerlichen Kürzungen wurde das nochmals deutlich verstärkt. Parallel sind die administrativen Aufgaben deutlich angestiegen. Wenn ich mit einem Pfarrer zwei Gemeinden versorgen muss mit zwei Kirchengemeinderäten etc, dann nimmt die Zeit für Gremienarbeit etc. zu. Aber auch die Anforderungen an die Trägerschaft einer KIndertageseinrichtung (Stichwort Konzepte und QM) sowie sonstige Sicherheitsbestimmungen (angefangen beim Datenschutz, bis hin zum Sprossenabstand des Geländers beim Emporenaufstieg, der Erfordernis ein Warnzeichen vor gefährlichen Chemikalien vor dem Aufgang in den Glockenstuhl anzubringen, weil zu viel Taubenmist dort oben lagert) sind nicht weniger geworden.
    In der Arbeit mit den Gemeindegliedern haben sich die Anforderungen für die Kasualien deutlich erhöht, hierzu ist ein Artikel im aktuellen Pfarrerblatt zu Hochzeiten sehr lesenswert. Leider noch nicht online 🙁
    Die Mobilität und Kultur unserer heutigen Gesellschaft würde viel mehr Beziehungsarbeit von den Pfarrern fordern, dazu fehlt aber danke der oben beschriebenen Entwicklungen die Zeit.
    Ich würde jeder Institution Kirche und auch engagierten Ehrenamtlichen einmal empfehlen eine Personalbemessung für die Pfarrstellen durchzuführen. Sich also zu fragen, welche Aufgaben hat der Pfarrer und wie lange braucht er im Schnitt für jede dieser Aufgaben.

    Wenn die Gemeinde sich ihren Pfarrer selber wählen würde, dann würde sich sehr wahrscheinlich einen Pfarrer als Hirten/Seelsorger und einen Geschäftsführer für die administrativen Aufgaben einstellen.

    Ich hoffe es fällt jetzt leichter die Aussage des Kollegen einzuordnen…

    1. Danke für diesen Bericht – er kommt mir vor wie aus einer ver–rückten Welt.
      Gemeindegeschäftsführer? Das halte ich für einen sinnvollen und weiterführenden Vorschlag. Gibt es das schon irgendwo?

  2. Soweit ich weiß, gibt es das Modell der klassischen Landeskirche kaum. Es wird ja eher mit Pfarrer und Kirchenpfleger gearbeitet. Aber die Kirchenpflegerstellen sind bei klassischen Gemeindegrößen von um die 1.000-1.500 Gemeindeglieder meist nur mit 6-8 Stunden ausgestattet und führen damit eher zu einer MehrBElastung des Pfarrers als zu echter Entlastung. Während das früher Stellen waren, die gerne von qualifizierten Müttern wahrgenommen wurden und auch mit einem deutlichen mehr an Engagement ausgefüllt wurden, ist es bei den heutigen Anforderungen extrem schwierig qualifiziertes Personal für solch eine Stelle zu finden, da die ganzen kirchenrechtlichen, aber auch gesetzlichen Anforderungen beherrscht werden müssen. Und das für eine unterhälftige Teilzeitstelle… das wird sofort klar, dass das schwierig ist. Also sitzen oft Menschen an den Stellen, bei denen die Qualifikation nicht wirklich ausreichend ist. Allein für das Standardgeschäft.

    Zu den zwei erwähnten Beispielen für Gemeindemanager:
    ad 1) “Die Stelle umfasst 15 Stunden. Die Vergütung reicht bis zur Entgeltgruppe 10 BAT-KF. ” Das ist kein Fisch und kein Fleisch. Eher eine Stelle, die mit dem Kirchenpfleger in Württemberg vergleichbar erscheint. Echte qualifizierte Führungskräfte lassen sich für Teilzeit und das Gehalt leider nicht gewinnen. Es müsste schon in Vollzeit und mit einer E13-Dotierung versehen sein. Das ist für Uni-Absolventen die unterste angemessene Bezahlung. Da weitere Karriereperspektiven i.d.R. auch nicht aufgezeigt werden können.

    ad 2) “Für den Hästener ist es ein Beruf nach dem Beruf: Ende 2013 ist der Jurist in den Ruhestand gegangen. Für die Aufgabe als Gemeindemanager, die er als geringfügige Beschäftigung ausübe, bringe er also Zeit und den nötigen Sachverstand mit” Gut, wenn es so was gibt. Hier stimmt die Qualifikation, ist aber auch nur eine “bessere” ehrenamtliche Mitarbeit, da kein Gehalt gezahlt wird, das nicht “Ruheständler” für die Aufgabe gewinnen kann.

    Derzeit wird das Personal wo es geht zusammengeschrumpft. Aber eigentlich wäre eine Investition in die Zukunft erforderlich. Anstatt einem Pfarrer, einem 8h Kirchenpfleger und einer 6 Stunden Sekretärin wären eben 1 Pfarrer für die echten Hirtenaufgaben, 1 Geschäftsführer für den operativen Betrieb und eine mind. 50% Sekretärin erforderlich. Dann haben alle wieder Luft zum Atmen und können auch kreativ in ihren Bereichen sein. Ich muss als Pfarrer nicht Dienstvorgesetzer für die Putzkräfte des Gemeindehauses bzw. Kindergartens sein und mir die Zeit nehmen mit jedem jedes Jahr ein Mitarbeitergespräch zu führen, weil es für Hauptamtliche vorgeschrieben ist, aber ich komme nicht dazu “Mitarbeitergespräche” mit den Menschen zu führen, die verkündigend Verantwortung in der Gemeinde übernehmen. Auch interessiert mich die Einhaltung der Arbeitsschutzvorschriften eigentlich nicht. Nach welchem Farbkonzept die Putzlumpen im Gemeindehaus sortiert werden oder inwiefern der vor zwei Jahren angeschaffte Erzieherinnenstuhl heute angeblich schon nicht mehr zulässig ist. Auch die Berechnung der zu putzenden Fläche, um die Arbeitzeit eines Hausmeisters ermitteln zu können gehört nicht zum pastoralen Kerngeschäft.

    1. Mir kommt die Idee des “Gemeindemanagers” mehr und mehr plausibel vor. Da in absehbarer Zeit nicht wenige Pfarrstellen unbesetzt bleiben werden, wäre da auch Geld frei, um solch eine Position angemessen zu bezahlen. Oder?

      1. Sorry, dass die Antwort ein wenig länger gedauert hat.
        In Württemberg werden Pfarrstellen gerade kräftig zusammengestrichen. Vor allem aus finanziellen Gründen.
        Deshalb bezweifle ich, dass genügend Geld da ist.
        Es wird viel Geld für kapitalgedeckte Altersvorsorge ausgegeben, was bei heutiger Zinsentwicklung eh nie ausreichen wird. In meiner Wahrnehmung herrscht Beamtendenken und kein unternehmerisches Denken vor.
        Ich will einen Turnaround oder zumindest eine Sicherung des Status Quo erreichen ohne zu investieren.
        Das funktioniert eben nicht.

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