p wie Produkt – part 2

Was ist das Produkt? Seelenheil, oder Frieden mit sich und der Welt, oder Übereinstimmung mit den Gesetzen des Lebens, oder Zufriedenheit und Glück oder …

 

Nein, das ist der Bedarf, die Sehnsucht, das, wozu das Produkt verhelfen soll. Der Zweck, würde Clausewitz sagen, der bekanntlich die Mittel heiligt. Und nicht zu verwechseln ist mit dem Ziel einer Kampagne.

 

Wenn ich Frank Vogelsang folge, dann gibt Religion Antworten auf existentielle Fragen:
  • Wieso gibt es mich
  • Was soll ich hier
  • Darf ich überhaupt hier sein
  • Warum bin ich einzigartig
  • Warum bin ich nicht der Einzige
  • Was trennt und verbindet mich von/mit den Anderen
  • Wieso trifft es immer gerade mich und nicht die anderen
  • Warum muss ich sterben
  • Gehöre ich zu den Guten oder zu den Bösen
  • Was geschieht mit mir vor und nach meinem Leben
  • Was hält mich lebendig

 

Bei den Antworten eines Christen tauchen dann Wörter auf wie Schöpfung, Sinn, Gnade, Geschenk, Gemeinschaft, Liebe, Schicksal und Vorsehung, Ewigkeit oder Auferstehung, Geist und Kraft. Weiche Begriffe, die sich nur durch Interpretation erschliessen.

 

Das Bündel aus Antworten ergibt zusammen ein gedankliches System, und mehr noch ein Bild, ein inneres Bild davon, wie alles zusammenhängt, und was das mit mir zu tun hat. Mir persönlich tut das Bild gut. Es beruhigt mich. Ich weiss, wo mein Platz ist.

 

Genug des Testimonials? Sind Sie interessiert? Wollen Sie das Produkt haben? Dann kommen wir zum schwierigen Teil.

 

Denn anders als das tägliche Brotchen lässt sich dieses innere Bild nicht an der Bäcker-Theke kaufen und anschliessend vereinnahmen. Bilder entstehen durch Bildung. Und das ist ein langwieriger Prozess ….

 

Doch dazu mehr in der nächsten Woche. Dann geht es um p wie Preis. Sie ahnen, der ist hoch.

 

Übrigens: Im Mittelalter hat man die Sache recht elegant gelöst. Das Produkt „Frohe Botschaft“ war imagemässig verbunden worden mit Holz- und Knochensplittern, Schädeln und Stoffetzen (auch das ein Werk der schon erwähnten Frau Mama). Damit wurde es materiell, man konnte es haben. Und wer mehr davon hatte, hatte mehr Macht.

 

Erzbischof Rainald von Dassel hat mit dieser Masche damals Köln zur bedeutendsten Stadt der Welt hinter Rom (und vor Dauer-Wettbewerber Paris) gemacht. Seine Idee, diese mit dem Etikett „Heilige Drei Könige“ versehenen Beute-Knochen aus einem Mailänder Glockenturm, wo sie wegen Kriegswirren zwischengelagert waren, in einem Triumphzug nach Köln zu bringen, war genial. Ein Meisterstück der Promotion. Der anschliessend drumherum gebaute goldene Schrein und der darüber errichtete Dom sind die bis heute weltweit erfolgreichsten Verpackungen überhaupt. (p wie Package ist übrigens das 5.p in dem 4p-Modell). Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Inhalt nicht die frohe Botschaft, sondern höchstens heisse Luft ist. Oder etwa nicht … *

 

Nicht nur promotionmässig war das genial, sondern auch vertriebstechnisch. Ab sofort musste man das Produkt nicht mehr zu den Kunden hinbringen (Sandalen-Verbrauch), sondern die Kunden kamen freiwillig und auf eigene Kosten, um das Produkt zu beziehen. Die Vertriebsorganisation konnte sesshaft werden.

 

Zumal der Markt praktisch vollständig erobert war (abgesehen von ein paar Hexen und anderen Quacksalbern, die eigene Heilslehren anpriesen). Damit war das Unternehmen in der dritten Phase angekommen. Nach Startup und Expansion jetzt Konsolidierung: Sicherung der Marktmacht, vertikale Durchdringung, Upmarketing. Kunden melken, heisst das bei Vertrieblern. Fett ansetzen, sagen die Controller.

 

Von den Reliquien, Kirchen und ihren gemalten Werbeplakaten war es dann nicht mehr weit zu den Ablassbriefen. Luther hat dagegen zu Recht gewettert, und wir machen uns gerne darüber lustig. Wer sich allerdings mit Placebo-Forschung beschäftigt, wird darüber ins Denken kommen.

 

* Ich hatte, als ich 2005 vor dem Weltjugendtag einen Film über das katholische Köln drehte, mich einer Pilgergruppe angeschlossen, die unter dem Schrein der Heiligen Drei Könige hindurch wanderte in der Erwartung, das Heil möge auf sie überstrahlen. Und was soll ich sagen … irgendwie hat es gewirkt 😉 . Es lebe das Sharing!

 

One thought on “p wie Produkt – part 2

  1. … vermisse zwei essentielle Begriffe in diesem Zusammenhang… die Gegenwart des Bösen, über die Christus (und damit der Christ…) den Sieg errungen hat… und die Motivation Gottes… was motiviert ihn sich mit „uns…“ einzulassen? Warum haben wir einen freien Willen? Weil Liebe ohne nicht funktioniert… Danke für diese interessanten und zum Denken anregenden Beiträge…
    Grüße…

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