p wie Produkt – Letzter Teil

Vom Auftrag her ist Kirche ein Bildungsunternehmen. Es soll dem “Kunden” die christlich fundierte Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen und Antworten des Lebens ermöglichen, darauf ein konsistentes Sinn und Moral stiftendes Gebäude von Welt-, Gottes- und Menschenbild errichten, damit er darin sein Heil finde.

Damit ist das erste “p” wie Produkt umrissen. Das Produkt, das Kirche unter betriebswirtschaftlichen Kategorien anbietet, ist nicht das Heil. Wohl aber die Mittel, die es dem “Kunden” ermöglichen, für sich sein Heil zu finden. Wenn er es sucht.

Es gibt wohl kaum einen Flecken auf der Erde (und in Deutschland nicht einmal einen Quadratmeter), an dem das Produkt nicht angeboten wird. Kirche ist ein den Globus mit Filialen überziehendes Netz, auf das jeder kommerzielle Großkonzern mit Recht neidisch wäre. Die biblische Botschaft ist überall und jederzeit erhältlich, eine Taufe immer möglich. Der Auftrag “Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker” ist damit vertriebstechnisch abgeschlossen. Der Markt ist vollständig erschlossen.

So weit, so gut. Wo aber ist dann die viel zitierte Krise?

Was in den vergangenen über zweihundert Jahren in Europa weggebrochen ist, ist die staatlich gestützte Top-Down-Strategie. Der Staat, die Mächtigen, halten sich raus, wenn es um existentielle Fragen geht. Er kann das, weil er inzwischen auch ohne Religionsbezug jeden seiner Bürger erreicht. Er kann sich Diversity in Heilsfragen leisten (solange alle an die heilende Kraft der Marktwirtschaft glauben).

Damit aber ist der wichtigste Kooperationspartner der christlichen Kirchen in Sachen Vertrieb abhanden gekommen. Jetzt wird sichtbar, was jeder immer schon wusste: Taufe allein macht noch keinen Christen. Und: Es gibt auch andere Heilslehren und -rituale.

Damit rücken die beiden alten Verkaufsargumente wieder in den Vordergrund: Testimonials und Überzeugungsarbeit. Auf manchen Kontinenten läuft das wie geschnitten Brot.

Nicht jedoch hier, in Europa. Hier hat sich der Marktanteil von fast 100 Prozent vor der französischen Revolution mittlerweile halbiert, Karteileichen mitgezählt.

In Deutschland, wo noch Reste der alte Staatspartnerschaft bestehen (Religionsunterricht, Theologische Fakultäten, Kirchensteuereinzug, Staatsleistungen), wirken diese zunehmend imageschädigend und damit kontraproduktiv. Moderne Menschen wollen aus Einsicht und Überzeugung heraus ein Bekenntnis, zu was auch immer, ablegen. Da ist jede Form von Bevormundung ein NoGo.

Dass die kirchliche Bildungsarbeit didaktisch wie pädagogisch dem vorletzten Jahrhundert verhaftet ist, macht die Sache nur schwieriger. Bildung durch Frontal-Verkündigung ist ebenfalls Bevormundung. Neue Konzepte wie Netzwerken, gemeinsames Lehren und Lernen sind noch ganz am Anfang. Und stossen auf Widerstand. Weil damit die herausgehobene Position des geistlichen Lehrers (unserer Pfarrer) zur Disposition steht. Und damit die Leitungsstruktur der organisierten Kirche als solche.

Tatsächlich kann man den Eindruck haben, dass, in die Defensive gedrängt, kirchliche Lehrer sich allwöchentlich in Unterricht wie in Predigt daran abmühen zu beweisen, dass die Bibel – immer noch und immer wieder und für alle Zeit –  im Recht sei. (Das gilt für fundamentalistische wie für historisch-kritische Interpretatoren gleichermaßen). Als wäre ihre eigene Existenz davon existentiell abhängig. Statt sich des eigenen, unseren (Er-)Lebens anzunehmen. (Was dann ja gerne unter Anwendung biblischer Maßstäbe geschehen dürfte.)

Damit rücken die weiteren “p” in den Blick: p wie place, p wie price, p wie promotion.

Womit es dann zunehmend kompliziert wird. Denn auch wenn Vertrieb der Frohen Botschaft das Kerngeschäft ist, so hat Kirche ihr Angebot im Verlauf der Jahrtausende kräftig diversifiziert: Diakonie, Seelsorge, Kasualien, Gottesdienst. Das alles sind weitere Geschäftsfelder, mit eigenen Strategien, Produkten, Kundenbedürfnissen …

 

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