P wie Produkt

Ich mache das jetzt mal. Ich betrachte Kirche mit betriebswirtschaftlichen Kategorien:

Irgendwann um das Jahr 30 oder 31: Der Chef ruft eine geschlossene Mitarbeiterversammlung weitab des Stammsitzes Jerusalem ein und eröffnet das Meeting mit einem Paukenschlag: Nachdem er das Produkt auf dem heimischen Markt über zwei, drei Jahre mit bestem Erfolg eingeführt hat, ist es an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: Expansion. Einstieg in die umliegenden Märkte. Das Ziel: Globalisierung.

„Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“

Der Auftrag ist einfach und klar: Vertrieb. Nicht Produktion, nicht Entwicklung, nicht Einkauf, nicht Verkauf, sondern Verteilung. Kirche ist eine Vertriebsorganisation. Marketing ist das Kernwort.

„Auf dich will ich meine Kirche bauen“

Den Leiter der neuen Vertriebsabteilung hat der Chef längst bestimmt und vorausschauend selber ausgebildet. Er gibt Petrus die Strategie vor: Netzwerkmarketing (das ist so was wie bei Tupper-Parties). Mund-zu-Mund-Propaganda durch persönliche Kundenansprache. Bei der Zielgruppen-Definition ist er großzügig: Alle Völker in aller Welt. Eher größenwahnsinnig, würde sich der eine oder andere im Team heute denken 😉 .

Andererseits: Das Produkt hat klare Vorteile. Es kostet kein Geld. Nicht im Einkauf, und auch nicht den Kunden. (Dass der Preis dennoch nicht gering ist, dazu später mehr, bei P wie Preis). Es ist nicht-materiell, also keine Transport- und Lagerkosten. Sollte ein Spaziergang sein.

Der Vertriebsaufwand allerdings ist beträchlich: Sprachunterricht, Sandalen, Herbergskosten, Promotion-Material … Wo soll das nötige Startkapital herkommen?

Und dann sind da noch die Marktzugangsbeschränkungen. Die Big Player der Branche „Heilslehre“ haben mit ihren Tempeln, Priestern und Göttern längst alle Märkte besetzt und verfügen über engste Verbindungen zu den jeweiligen Staatsmächten. Keine risikofreie Aufgabe angesichts der gängigen Abwehrmaßnahmen von Kerker bis Kreuzigung.

Das Team nimmt den Auftrag nach anfänglichem Zögern an. Mit Ausnahme von Judas. (Hat er ein Problem mit der Globalisierungsfantasie gehabt?) Das mit dem Startkapital wird teils mit kreativer Fantasie (Sprachunterricht), teils mit Selbstausbeutung durch Lohnverzicht gelöst, und wenn die Sandalen hin sind, dann geht es eben barfuss weiter. Ausserdem haben sie noch ein As im Ärmel: Frauen! (Auch dazu an anderer Stelle mehr).

Alles in allem ein typisches Start-up. Und die Post geht ab, wie die Entwicklung zeigt. Exponentielles Wachstum in der Anfangszeit.

Das 4p-Model fragt zuerst nach dem Produkt. Was ist es, welche Eigenschaften hat es, was ist das Unverwechselbarkeits-Merkmal (USP genannt), welche und wessen Bedürfnisse befriedigt es, welche Wettbewerber oder Umgehungsstrategien gibt es?

„Ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Auftrag und Zielgruppe ist klar umrissen. Der Markt ebenfalls: Alle Welt. Der Bedarf: Seelenheil. Auch das Marktumfeld ist bekannt und transparent.

Nur bei der Frage nach dem Was wird es kompliziert. Man kann das Produkt nicht anschauen, nicht anfassen, nicht riechen und nicht testen. Es hat einen Namen, der viel verspricht, aber nichts aussagt: „Frohe Botschaft“.

Wie bringt man es an den Mann? In dem man die Vorteile nicht nur anpreist, sondern vorführt. Die Blackbox-Methode. Vorher-Nachher. Vorher warst Du krank und unglücklich, hinterher bist du gesund und glücklich. Dazwischen: Ein Wunder. Entstanden durch Glauben, wie der Chef immer wieder betont hat. Er war Meister darin. Damals hat es funktioniert bei der Kundschaft. Aber ob die Mitarbeiter das auch drauf haben?

Noch dazu heute? Heute wollen die Leute wissen, was in der Blackbox drin ist. Andernfalls steht Hokus-Pokus-Verdacht im Raum. Folge von Aufklärung.

Ein zusätzliches Marketing-Instrument musste her: Testimonials. Perfekt geeignet für Network-Marketing. Zumal das Team tatsächlich und zu Recht von dem Produkt begeistert ist.

Es funktioniert: Wo immer die Vertriebsmitarbeiter sich auf den Markt stellen und „Die frohe Botschaft“ anpreisen, sind sie erfolgreich. Sie werden eingeladen zu Haus-Parties und bewundert, bestaunt und umjubelt. Man hört ihnen zu. Sie stehen zu ihrem Produkt sogar dann noch, wenn es sie das Leben kostet. Allen voran der Chef selber. Das macht Eindruck.

Unter dem Druck, als Vorbild für das Produkt mit seinem Leben öffentlich herhalten zu müssen, stehen heute die Pfarrer. Manche empfinden es als Last – auch ohne Lebensgefahr.

Damals haben die Menschen das Produkt offensichtlich verstanden. Sonst hätten sie sich nicht taufen lassen. Aber wie beschreiben wir es heute mit einfachen Worten?

Dazu mehr nächste Woche an dieser Stelle. Ich muss nämlich erstmal nachdenken darüber 😉. Übrigens, Sie können diesen Blog abonnieren, in der rechten Spalte. Dann verpassen Sie nichts.

Doch das muss ich jetzt noch los werden:

Nach einer Hochphase, in der das Ganze sogar in mehreren Anläufen verschriftlicht wird, gerät das Startup-Projekt ins Stocken. Das Team, inzwischen einige Generationen weiter, beschliesst eine Veränderung der Strategie.
Zwecks Skalierung verlässt man die Mund-zu-Mund-Schiene, und setzt auf eine Multiplikatoren-Strategie: Wenn man die Richtigen, die Mächtigen, überzeugt, dann werden die ihre Macht, ihren Einfluss zugunsten der frohen Botschaft einsetzen, und sie von oben her allem Volk verordnen. Geplant, getan. Das Ergebnis ist bekannt. (Übrigens: Hier war eine Frau in der Schlüsselposition. Wenn Mama den Konstantin nicht ….. ).

Ob der Strategiewechsel den Kunden gut getan hat? Jedenfalls war Begeisterung nicht mehr das tragende Element (und ist es bis heute nicht - ausser gelegentlich bei den Konfis).

One thought on “P wie Produkt

  1. … in dieser Darstellung fehlt etwas… die Macht des Bösen, welches die Welt beherrscht… die Befreiung aus und von der Sphere des Bösen… und… wie das alles praktisch abläuft…!

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