p wie place/package oder Verkündigung ade

Kirchliche Bildungsarbeit auf Gemeindeebene findet üblicherweise in Form („package“) von Religionsunterricht,  Konfirmandenunterricht, Bibelgesprächskreisen und Sonntagspredigt statt, hier und da auch mal als Glaubenskurs. Der Platz („place“), an dem das Produkt erhältlich ist, sind Schule, Gemeindehaus oder Kirchraum.

Religionsunterricht

Das Klassenzimmer ist ein günstiger Ort: Die „Kundschaft“ steht dank staatlicher Verfügung ohnehin bereit. Akquise-Aufwand entfällt. Aus Sicht der Schüler ist der Nutzwert von Reli, dass es immer noch besser als Mathe, Latein oder Chemie ist, noch dazu ohne Leistungsanforderung. Wenn es dann im Unterricht tatsächlich mal um existentielle Fragen geht, entsteht gelegentlich sogar echtes Interesse.

Konfirmationsunterricht

Konfi-Unterricht ist für viele der letzte Ort gelingender religiöser Bildung. Die Verbindung mit einem altersgerechten Initiationsritual passt. Die Anmeldung soll mitunter sogar ohne elterlichen Druck geschehen sein. Größtes Akquise-Hindernis sind die Mitbewerber im Ringen um die Zeit der Jugendlichen: Ganztagsschule und andere Freizeit- und Bildungsangebote. Gemeinden weichen dem Problem zunehmend aus, indem sie Konfi-Unterricht in Blockform anbieten. Eine Weiterführung des Angebots nach der Konfirmation innerhalb der Gemeinde gelingt  nur begrenzt. Kinofilme und TV-Serien bieten relevantere Antworten auf existentielle Fragen, die Diskussion darüber findet innerhalb der Peergroups und Familien statt.

Sonntagspredigt

Die Predigt im Rahmen des Gottesdienstes am Sonntagmorgen ist für Bildungshungrige das wohl schwierigste Format. Die Zeit ist ungünstig, da familien-relevant, der Ort mit den verschiedensten Emotionen und Erinnerungen aufgeladen, und der Rahmen eines Gottesdienstes etwas, was man zunächst weder versteht noch überhaupt wünscht. Die angestrebte Bildung ist ja Voraussetzung und nicht Ergebnis des Gottesdienst-Rituals. Zumal das Ritual ganz andere Bedürfnisse bedient, und mit seinem an Kannibalismus erinnernden Höhepunkt durchaus befremden kann. Ehrlicherweise sollte man Sonntags ein Schild an die Kirchentür hängen: „Achtung! Für Kirchen-Ferne nicht geeignet.“

Bibelgespräch

Das Bibelgespräch scheint mir am ehesten das geeignete Format unter den bestehenden zu sein. Ich habe in meiner Gemeinde eine Zeitlang regelmässig teilgenommen. Mit damals Anfang 50 gehörte ich zu den Jüngsten in der Runde. Der durchaus lebendige Austausch hat mich deutsche Zeitgeschichte noch einmal neu verstehen lassen. Mit meinen eigenen Redebeiträgen fühlte ich mich meist unverstanden, wie ich mich überhaupt als Fremdkörper in diesem in Beige und Rosa gehaltenen Raum mit Kantinen-Bestuhlung und Großraumbüro-Beleuchtung wahrnahm. Die älteren Teilnehmer hatten das Problem nicht. Offensichtlich gehörten sie zu denen, die den Raum vor dreissig oder vierzig Jahren eingerichtet hatten. Mir wurde es irgendwann zu mühsam, Woche für Woche diese Schwelle zu überwinden, und habe mir andere Gesprächspartner für Glaubensfragen gesucht. Was ich seither gerne empfehle.

Soweit der etwas ermüdende Überblick über Altbekanntes. Gibt es andere, zugänglichere Formen von Glaubensbildung?

Glaubenskurse

Das Angebot von Glaubenskursen hat wohl den Versuch, und dabei, soweit ich das verfolgt habe, vor allem eines richtig gemacht: Die Kurse wurden unter Berücksichtigung der bestehenden Vorbildung der Teilnehmer konzipiert, haben Milieu-Sensibilität entwickelt. Durchgeführt wurden sie dann wieder in den beschriebenen Gemeindehäusern mit ihrer selektierenden Ästhetik.

Auch leidet die Akquise für diese Kurse wohl unter dem übergreifenden Problem, dass zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung alle gemeindlichen Angebote unter der unausgesprochenen Voraussetzung erfolgen, bereits „an Gott zu glauben“. Was den Glaubenskurs entweder ad absurdum führt, oder zu einem Weiterbildungsangebot macht. Tatsächlich wurden die Kurse wohl vorwiegend von bereits aktiven Gemeindemitgliedern besucht. Kirchen-Ferne und Gott-Suchende wurden nicht erreicht.

Verkündigung ade!

Allen diesen Angeboten, die wir als Gemeinden verantworten, ist zu eigen, dass sie auf eine Komm-Struktur setzen: Unsere Kirche oder unser Gemeindehaus sind unser Ladenlokal. Wenn du was von uns willst, musst du zu uns kommen. Wenn dir das Lokal nicht gefällt – dein Problem. Wenn dir die Öffnungszeiten nicht gefallen – dein Thema. Wenn du unsere Sprache nicht verstehst – dann gehörst du nicht hierher.

Es ist offensichtlich, dass diese Haltung in Zeiten des Kundenverlusts betriebswirtschaftlich verheerend ist. (Und längst zur Pleite geführt hätte, wäre da nicht das fragwürdige Instrument des Kirchensteuereinzugs.)

Faktisch haben wir in unseren Gemeinden kein Angebot für kirchenferne, aber an Glauben, an Spiritualität interessierten Menschen. (Sie kennen Ausnahmen? Bitte bitte unten im Kommentar bekanntgeben.) Wir dienen nur denen, die ohnehin schon da sind. Den biblischen Verkündigungsauftrag erfüllen wir damit nicht. Damit aber steht das Recht, sich Kirche zu nennen, in Frage. Und die Begründung für den enormen Aufwand, an Pfarrern, an Verwaltung, an Gebäuden, hat einen Riss im Fundament.

Jedes Unternehmen würde in dieser Situation seine Strategie ändern: Wenn der Kunde nicht zu uns kommt, dann gehen wir zu ihm. Nichts anderes hatte Jesus seinerzeit seinen Mitstreitern aufgetragen.

Menschenfischer oder Schriftgelehrter?

Bleibt festzuhalten, dass Jesus damals seinen Kollegen, den Schriftgelehrten oder Pharisäern diese Aufgabe nicht zutraute. Die gefielen sich in ihrer vermeintlich gottgefälligen Gottesfurcht darin, über die Regeln des Status Quo zu wachen, auf andere herabzusehen oder über sie zu urteilen.

Ist die Situation heute anders? Würde Jesus heute auf Kirchenbeamte setzen? Ich ahne, er würde ausserhalb der Kirchenmauern eine neue Organisation aufbauen. Ein Startup mit engagierten professionellen Mitarbeitern, die aus Überzeugung dabei sein wollen. Wie damals.

Was lernen wir als Gemeinde-Verantwortliche daraus?

  1. Zuerst – und das ist das Mindeste – dass wir offen sein sollen für Menschen, Ideen und Initiativen ausserhalb unserer Gemeindezentren.
  2. Und dann, dass unser Auftrag nicht das Erhalten, sondern das Verändern unserer Art und Weise, Gemeinde zu sein, beinhaltet.
  3. Und als Drittes: Wir brauchen neue, zeitgemässe Formen des „Kunden“-Kontakts. Formen, die von deren Fragen und Anliegen ausgehen.

Menschenfischer oder Schriftgelehrte/r – welche Seite ist Ihre?

 

 

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