Nach mir die Sintflut

Kürzlich stand Eph.6 auf dem Predigtplan, die rechte Kampfausrüstung eines Christen gegen das Böse. Das kann nach Paulus nicht mit Schwert und Schild bekämpft werden, weil nicht aus Fleisch und Blut. Er empfiehlt eine geistige Ausrüstung: Wahrheit zum Schutz der Lenden, Gerechtigkeit als Brustpanzer, den Glauben als Schild und, als Waffe, das Schwert des Wortes. Der Auftrag: Überlasst dem Bösen nicht das Feld.
Die Predigt interpretierte die Kampfausrüsutung so: Paulus befürworte hier nicht den Kampf und den Krieg, sondern die Friedfertigkeit. Deswegen seien Wahrheit, Gerechtigkeit und Glauben als Schutzanzug zu verstehen, der vor Konflikten bewahren solle. Das Wort als Waffe zu führen, wurde in der Predigt abgelehnt, da auch Worte schneidend und verletzend sein könnten. Paulus meine, dass man auf das Wort hören solle.
Ich weiss nicht, ob diese Auslegung theologisch haltbar ist, aber darum geht es hier auch nicht. Ich interpretiere diese Auslegung so: Im Gegensatz zu Paulus, der ein Bekämpfen des Bösen empfiehlt, ist hier der Kampf selber schon das Böse.
Darin wird eine innere Grundhaltung sichtbar, die Abwendung von der Welt propagiert. Der Schutzanzug des Glaubens soll eine Grenze ziehen. Auf deren einer Seite stehen die, die Konflikte verursachen, Konflikte austragen, Konflikte lösen. Auf der anderen Seite die Unberührten, die Friedfertigen, die Konflikten aus dem Weg gehen und das Böse meiden. Die Lämmer. Ich bin klein, mein Herz ist rein.
Solch eine Haltung des Rückzugs (aus der Gesellschaft, aus der Realität, aus dem Alltag, aus der Volkskirche) hinter die inneren Mauern des Glaubens finde ich in Kirchengemeinden gelegentlich wieder als eine Beschränkung auf die „Kerngemeinde” der Gleichgesinnten, als Ablehnung der Moderne, als Widerstand gegen Neues. Auch als Misstrauen gegenüber Menschen, die Konflikten nicht aus dem Weg gehen. Als Angst vor Menschen, die Konflikte anzetteln. Erkennungszeichen sind mangelnde Transparenz, schwache Aussenwirkung, verdeckte Konflikten, Rückzug von Ehrenamtlichen, kränkende Erfahrungen, leere Gottesdienste.
Gemeinden mit einer „soliden strukturkonservativen Grundhaltung“ (wie der rheinische Präses Manfred Rekowski kürzlich formulierte) stehen unter massivem Druck. Der Reformeifer der landeskirchlichen Ebenen und der EKD, die Abstimmung mit den Füssen der Gemeindemitglieder, das Entstehen neuer Gemeindeformen führen täglich vor Augen, dass ein Sich-Entziehen nicht möglich ist. Von der rasanten Veränderung von Alltag und Lebensformen in diesen Zeiten ganz zu schweigen, deren Hauptmerkmal Kommunikation und Vernetzung, also das Gegenteil von Rückzug, sind.
Kürzlich kolportierte jemand die Aussage einer Pfarrstelleninhaber*in mit mehr als zehn Jahren Rest-Dienstzeit, er/sie gedenke bis zur Pension so weiter zu machen wie bisher. Ich interpretiere das so: Themen wie Öffnung in die Gesellschaft, Milieu-Orientierung  oder Kirchenschliessung, eben alles Ungeliebte, möchte die zitierte Person der nachfolgenden Generation von Pfarrern überlassen. Das ist verantwortungslos. “Nach mir die Sintflut“ ist die Haltung dahinter. Hofft er/sie tatsächlich, der Herr würde ausgerechnet ihn/sie in die Arche bitten und alle anderen ersäufen? Und was ist mit dem Bund unterm Regenbogen?
Rückzug aus dem Weltlichen hat eine lange Tradition in der christlichen Kirche. Es ist nichts dagegen einzuwenden, und vieles spricht für die Weiterführung in Klöstern und Retreats. Aber in der Leitung von Gemeinden ist diese Haltung nicht angebracht, sondern schadet der Gemeinde. Finde ich.
Foto: Bundesheer

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